Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

Was Erik kann

Schul-Inklusion - das ist eine gute Sache für viele Schüler*innen. Gerade Kinder mit Körperbehinderung passen gut in Regelklassen, wenn die Räumlichkeiten barrierefrei sind. Aber Inklusion geht natürlich nicht bei jedem Kind.

Was Erik kann

Es gibt Behinderungsarten, da kommt auch die Inklusion an ihre Grenzen. Schwerstbehinderte Kinder können mit der Hektik und dem Alltagsstress einer Regelschulklasse nichts anfangen – und halten den Lernerfolg der nichtbehinderten Schüler*innen nur auf.
Das ist eine weitverbreitete Meinung zum Thema Schwerstbehinderung und Inklusion.

Aber stimmt das auch?

Klassenzimmer-Szene aus KLASSENLEBEN

Szene aus KLASSENLEBEN

Lenas zweiter Sohn Erik ist das, was man schwerstbehindert nennt. „Er kann gar nichts“, sagt Lena. Nicht laufen, nicht sprechen, nicht essen, nicht sehen. Die Herz-OP nach der Geburt ist schief gegangen.

Über Inklusion in der Schule hat Lena sich keine Gedanken gemacht. Gut, Erik besuchte den integrativen Kindergarten, immer wenn er einen guten Tag hatte. Aber eigentlich ging es die ersten Jahre täglich nur ums Überleben.

Was inklusive Schulen leisten können, sah Lena jeden Tag in der Schule ihres älteren Sohnes. Wie selbstverständlich dort rollifahrende Mitschüler und Kinder mit Autismus oder geistiger Behinderung mittendrin waren. Aber für Erik? Förderschule, keine Frage!

Förderschule, keine Frage – oder doch?

Ein Gespräch mit den Lehrern brachte Lenas Gedanken in Bewegung. „Ich habe mindestens zwölf Gründe gehabt, warum das mit Erik in der Grundschule auf gar keinen Fall gut gehen könne“, erinnert sie sich, „und bei jeder Schwierigkeit hatten die Lehrer eine Idee, wie man das alles trotzdem hinkriegen könne.“ So wurde Erik im Sommer 2009 an der Grundschule eingeschult. Mit Stehständer, Liegekissen, Schulbegleiter und alle den Pflegeutensilien, die Erik braucht. Und mit Schulranzen. Dass der fehlte, hatte Eriks Bruder zwei Tage vor dem ersten Schultag bemerkt. Schüler ohne Ranzen? „Geht gar nicht!“, entschied er. Und wählte einen mit Star-Wars-Motiven aus.

Die ganzen Grundschuljahre hat Erik inmitten der Kinder aus der Nachbarschaft verbracht. Meistens war er mit im Klassenraum, bekam dort seine Fördereinheiten und Therapien. Er wurde in den Pausen auf den Schulhof mitgenommen, ging mit zum Sportunterricht, hat die musikalischen Gehversuche seiner Mitschüler im Musikunterricht kommentiert. Denn Erik kann deutlich zeigen, wenn ihm etwas nicht gefällt. Oder wenn er sich freut. Im Unterricht haben die anderen Kinder zu jedem Thema passende Dinge zum Anfassen gebastelt, damit auch Erik begreift worum es gerade geht. Sie haben ihn zu ihren Gruppenarbeiten herangezogen und mit ihm geredet, was sie gerade tun.

„Ich habe noch nie eine Klasse gehabt, in der alle so schnell lesen gelernt haben“

Irgendwann sprach die Klassenlehrerin Lena an: „Ich habe noch nie eine Klasse gehabt, in der alle so schnell lesen gelernt haben“, berichtete sie. Und der Grund für den Lernerfolg war eindeutig Erik. Alle wollten Erik vorlesen, Das haben sich auch die scheuen Kinder getraut, die vor dem Lehrer oder den anderen Mitschülern den Mund nicht aufkriegen. Und alle haben sich größte Mühe gegeben, gut und deutlich und spannend vorzulesen. So gut, dass Erik sich freut.

„Da hab ich begriffen, dass mein Sohn Erik doch etwas kann“, sagt Lena. „Erik macht andere Kinder schlau.“ Als Erik vor einem Jahr die Grundschule verlassen hat, waren die jüngeren Kinder der Klasse traurig, dass sie nun Niemanden mehr haben, dem man so gut vorlesen kann. Aber Erik hat andere Aufgaben. Er macht jetzt an der Gesamtschule die Anderen schlau.

Namen von der Redaktion geändert.

Wir wollen einen neuen Blick auf Inklusion werfen – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert hat uns der neue Kinofilm DIE KINDER DER UTOPIE.

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