Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

Warum die stillen Dokumentarfilme oft die stärksten sind

Oder: Wie DIE KINDER DER UTOPIE Tausende von Deutschen dazu gebracht hat, ihre Einstellung zu Inklusion zu ändern

Warum die stillen Dokumentarfilme oft die stärksten sind

Bei Großunternehmen setzt sich so langsam die Erkenntnis durch, dass ihr traditionell ermitteltes wirtschaftliches Ergebnis – der Profit – nicht alleiniges Ziel sein darf, sondern dass umweltbezogene und gemeinnützige Ziele genauso wichtig sind. Eine „Triple Bottom Line“ wird angestrebt, in der die ökonomischen, ökologischen und sozialen Ergebnisse gleichrangig bewertet werden sollen. Erst dann kann echte Nachhaltigkeit entstehen.

Auf Deutsch nennt sich dies auch „Drei-Säulen-Modell“ und ist sicherlich auch ein Grund dafür, warum Firmen wie SAP oder DATEV die Kampagne rund um den Film DIE KINDER DER UTOPIE so großartig unterstützt haben, ohne dabei Werbung in eigener Sache zu machen.

Diskussionsrunde nach dem Film
DIE KINDER DER UTOPIE in Nürnberg

Überhaupt ist es höchste Zeit, dass die Filmwirtschaft und insbesondere meine Kolleginnen und Kollegen in der Dokumentarfilmbranche nicht nur auf Zuschauerzahlen und Verkaufserlöse schauen, sondern sich selbst eine solche „Triple Bottom Line“ zu eigen machen. Schon im Jahr 2013, als ich noch beim Scottish Documentary Institute arbeitete, verfolgte meine damalige Chefin Sonja Henrici diesen Ansatz (englischer Artikel hier)

Kurz darauf gründete ich in Schottland eine Firma, Film & Campaign Ltd., die sich nun schon seit fünf Jahren auf Zielgruppenarbeit mit Dokumentarfilmen und auf den gesellschaftlichen Einfluss dieser Filme spezialisiert. Zielgruppenarbeit bedeutet zum Beispiel, nicht auf ein Stammpublikum wie typische Kinogänger zu vertrauen, sondern auch solche Leute anzusprechen, die normalerweise nie ins Kino gehen würden – schon gar nicht, wenn es „nur“ so ein stiller Dokumentarfilm wie DIE KINDER DER UTOPIE ist.

Wenn es um Dokumentarfilme geht und ihren „Impact“, also ihren Einfluss auf Meinungsbildung, Verhaltensweisen und Strukturen in unserer Gesellschaft, dann denken viele zuerst an Filme von Michael Moore oder Al Gore, die uns ziemlich eindeutig darlegen, was wir denn nun über ein bestimmtes Thema zu denken haben. Die Gefahr dabei ist, dass solche Filme mit einer Art Holzhammermethode vorgeben, was richtig oder falsch ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. Das Publikum verhält sich dann wie in einer Filterblase im Internet, und diejenigen Gruppen, die man wirklich erreichen müsste, um den erhofften gesellschaftlichen Wandel zu bewirken, schauen sich so einen Film erst gar nicht an

Wenn der Holzhammer nur abschreckt

Ich bin fest davon überzeugt, dass es vielmehr die unaufgeregten, subtilen, menschlichen Geschichten sind, mit denen man wirklich Raum zum Nachdenken schafft und die es dem Publikum erlauben, sich in Ruhe eine eigene Meinung zum Thema zu bilden. Hubertus Siegerts Film DIE KINDER DER UTOPIE ist für mich ein Paradebeispiel für eine solche Erzählweise, ein Miterleben ganz ohne Kommentar. Die einzigen Expert*innen in diesem Film sind die Betroffenen selbst.

Ziel unserer Kampagne rund um den Film ist es, einen offenen, vorurteilsfreien Blick auf das umstrittene Thema „Inklusion“ zu werfen. Die beste Voraussetzung dafür ist ein Film, der nur darstellt, aber nicht wertet. Die Diskussion zum Thema findet nicht im Film, sondern erst danach statt, individuell organisiert von Hunderten von Freiwilligen vor Ort, die am Aktionsabend eine „Patenschaft“ übernahmen oder seitdem eine eigene Veranstaltung auf die Beine gestellt haben (dies ist übrigens auch jetzt noch möglich, solange Veranstaltungen bis zum 31.10. angemeldet werden und noch dieses Jahr stattfinden). 

Reichweite ist ein Erfolgsfaktor – aber was ist mit dem „Impact“?

Fast 20.000 Menschen sahen den Film allein an unserem Aktionsabend am 15. Mai 2019 auf 170 Kinoleinwänden, und unter den rund 200 Filmen, die an diesem Abend in deutschen Kinos liefen, belegten wir in den Kinocharts den dritten Platz – gleich hinter den neuesten Avengers- und Pokémon-Filmen. In der Anzahl von Besuchen pro Leinwand lagen wir sogar vor diesen Blockbustern. Kein Zweifel, die Reichweite hatten wir. 

Aber gelang es uns, mit unserem Angebot nicht nur eine Filterblase von Leuten zu bedienen, die ohnehin schon von ganzem Herzen Inklusion befürworten? Und würden ein paar Leute außerhalb dieser Blase vielleicht sogar ihre bestehende Meinung ändern?

Filmvorführung im Filmpalast in Köln

DIE KINDER DER UTOPIE in Köln

Um das herauszufinden, haben wir unser Publikum dazu aufgerufen, uns drei einfache Fragen zu beantworten. Der Aufruf erfolgt als Teil des Abspanns, durch die Moderation vor Ort, per Email und auch direkt auf unserer Website.

Von den über 20.000 Leuten, die den Film am Aktionsabend und in der Zeit danach gesehen haben, sind über 2.000 diesem Aufruf gefolgt – da darf man die Umfrage durchaus „repräsentativ“ nennen. 

Die erste Frage ist: „Was für einen Eindruck von Inklusion hat der Film Ihnen vermittelt?“ Aus den drei vorgegebenen Antworten wählten bisher 93 Prozent „eher positiv“, 6 „neutral“ und 1 Prozent „eher negativ“.  Eine überwältigende Mehrheit hat also einen positiven Eindruck gewonnen, obwohl der Film selbst ja keine Wertung abgibt. Das ist ja schon mal sehr beeindruckend.

Wenn ein Viertel des Publikums plötzlich positiver denkt

Als zweites wollen wir wissen: „Haben Sie durch den Film oder durch ein anschließendes Gespräch Ihre Einstellung zum Thema Inklusion in der Schule geändert?“ Darauf folgt eine dritte Frage nach dem Grund für eine Meinungsänderung bzw. eine unveränderte Meinung. In dieser Kombination soll sich herausstellen, ob wir nur die besagte Filterblase angesprochen haben. 

Erwartungsgemäß haben 72 Prozent des Publikums ihre Meinung „nicht geändert“, und die überwältigende Mehrheit dieser Leute gibt eine ähnliche Begründung an wie Thomas P., der uns schreibt: „Ich war schon positiv eingestellt und habe mich eher bestätigt gesehen.“ 

Aha, dann also doch alles in der Filterblase?

Nicht ganz – denn während nur ein Prozent der Leute ihre Meinung „zum Negativen geändert“ haben, gaben 27 Prozent an, diese „zum Positiven geändert“ zu haben. Und das ist richtig großartig!

„Ich habe gesehen, wie gut Inklusion funktionieren kann, wenn man will“, schreibt uns Arno W., der seine Einstellung zum Positiven geändert hat – ebenso wie Manuela R., die als Grund angibt: „Weil ich erkannt habe, wie sich auch unsere Klasse durch die Gespräche über Inklusion positiv verändert hat.“ Kathrin O. hatte zwar schon vorher eine positive Grundeinstellung, aber „der Film und die Runde haben mich darin bestärkt, mich noch mehr als Journalistin auch dafür einzusetzen.“

„Endlich sehen, was den einzelnen Menschen ausmacht, und nicht das sehen, was er nicht kann“

Natürlich ist diese Gruppe, deren Einstellung nun positiver ist, in der Minderheit gegenüber der Fraktion „Filterblase“. Aber die Tatsache, dass mindestens jeder Vierte seine Meinung nach dem einmaligem Ansehen eines so „stillen“ Dokumentarfilms ändert, ist doch sehr außergewöhnlich.

„Mir hat der Film in seiner einmaligen Authentizität und nicht-wertenden Darstellung Mut gemacht hat, Inklusion in der Schule weiter zu leben“, schreibt Okka F. „Ich möchte helfen, dafür zu kämpfen, dass andere Menschen dafür sensibilisiert werden und endlich anfangen, das zu sehen, was den einzelnen Menschen ausmacht, und nicht das zu sehen, was er nicht kann.“

Hildegard S. erzählt, wie in ihrer Kindheit und der ihrer Kinder Inklusion nie ein Thema war: „Somit kam ich auch nicht in Berührung mit Inklusion. Aber der Film hat mir gezeigt, dass es notwendig ist, in unserer Gesellschaft von dem Leistungsdenken, dem Leistungsdruck wegzukommen. Von Inklusion profitieren alle, und ich denke, gerade in der Erwachsenenwelt und Berufswelt wirkt sich Inklusion, die in der Kindheit erfahren wird, sehr positiv aus. Und das hat der Film auch besonders erfahrbar gemacht.“

Wie ein Film bei der Schulentscheidung hilft

Marion N. hat einen Sohn mit Down-Syndrom, der nächstes Jahr eingeschult wird: „Fast täglich ändere ich meine Meinung, welche Schule es werden soll: die örtliche Grundschule oder doch die Förderschule. Der Film hat mir gezeigt, dass Inklusion funktioniert. Das macht Mut.“

Ute B., auch Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, hat manchmal Zweifel, ob Inklusion tatsächlich funktioniert: „Ich habe Sorge, dass meine Tochter mit ihrem Anderssein nicht glücklich wird in unserer Gesellschaft, weil sie ausgegrenzt wird. Der Film hat mich darin bestätigt, dass inklusive Schulen funktionieren, dass sich dort alle wohl fühlen können und sie tolle Menschen hervorbringen. Es wurde deutlich, wie unterschiedlich wir alle sind und dass alle Jugendlichen in sehr ähnlicher Weise auf der Suche nach ihrem Platz im Leben sind. Behinderungen spielten gar nicht die große Rolle.“

Schönere Reaktionen hätten wir im Kampagnenteam uns nicht wünschen können. Wir sind allen unendlich dankbar, die diese großartigen Ergebnisse möglich gemacht haben und im Moment immer noch möglich machen: der Aktion Mensch, den besagten Großunternehmen mit ihrer „Triple Bottom Line“, den großzügigen Stiftungen und vielen weiteren Organisationen. Wichtigster Faktor ist und bleibt aber unser unglaublicher Schwarm von 1.000 Freiwilligen in ganz Deutschland, ohne den all dies nicht hätte stattfinden können. 

Was stellen wir wohl zusammen als Nächstes an?


Wir werfen einen neuen Blick auf Inklusion – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert dazu hat uns der neue Film DIE KINDER DER UTOPIE.

Sie wollen mitdiskutieren? Nach einem erfolgreichen bundesweiten Aktionsabend mit fast 20.000 Zuschauern ist der Film nun überall zu sehen: bei einer Veranstaltung in Ihrer Nähe, als Stream oder Download und jetzt auch auf DVD überall im Handel.

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