Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

Was fehlt, ist eine positive Marschrichtung

Inklusive Schulen gibt es in sehr unterschiedlicher Qualität. Die Instagram-Bloggerin Sandra Stubbra-Schlütken hat selbst Erfahrungen gesammelt, warum das so ist und was es für die Arbeitsbedingungen in der Sonderpädagogik bedeutet.

Was fehlt, ist eine positive Marschrichtung

Sie sind sehr erfolgreich mit dem Instagram-Blog „Inklusion für Anfänger“ (@inklusion_fuer_anfaenger), in dem Tipps zum Gemeinsamen Lernen ausgetauscht werden. Wie sind Sie denn selbst zur inklusiven Bildung gekommen?

Das war ursprünglich gar nicht so geplant. Ich habe Sonderpädagogik studiert mit den Förderschwerpunkten Körperlich-Motorische Entwicklung und Lernen und Sport als exemplarischen Unterrichtsfach mit dem Ziel, an einer Förderschule zu arbeiten.
Inklusion in dem Sinne gab es damals in NRW noch nicht, höchstens Gemeinsamen Unterricht, der auch noch in den Anfängen steckte. Ich wollte in erster Linie pädagogisch arbeiten – kein Fach unterrichten wie ich es selbst am Gymnasium erlebt hatte, sondern Schüler*innen. Und Klassenlehrerin werden, gerne auch bei pubertierenden Jugendlichen.
In die Inklusion bin ich reingerutscht, weil es bei meiner damaligen Förderschule zu den Einstellungsbedingungen gehörte, dass man bereit war, zehn Wochenstunden ins Gemeinsame Lernen zu gehen. Da denkt man sich als Berufsanfängerin: Klar, ich bin ja für alles offen.

Zuerst wurde ich stundenweise in eine Hauptschule abgeordnet. Da habe ich Inklusion erlebt, wie sie nicht laufen sollte. Ich war für nur wenige Wochenstunden vor Ort, bekam ein paar Förderkinder zugewiesen, die auf alle 6 Jahrgänge der Schule verteilt waren und sollte diese dann fördern. Es gab keinerlei Konzepte und keine Gremien für die Entwicklung der Inklusion. Ich durfte mich und meinen Arbeitsbereich zwar in der Konferenz vorstellen - aber wirklich durchgedrungen ist das Thema bei den Kolleg*innen nicht. Viele haben mich beständig für eine Sozialpädagogin gehalten oder zumindest so benannt (selbst die Schulleitung bezeichnete mich nach zwei Jahren Zusammenarbeit bei der Rede auf der Abschlussfeier als Sozialpädagogin), andere haben mich ganz vergessen oder gefragt, ob ich die neue Praktikantin sei. Sie konnten und wollten sich meine Aufgabe vermutlich nicht merken, so gering war das Interesse an einem gewinnbringenden Austausch.
Nur mit einer Kollegin funktionierte die Zusammenarbeit wirklich so gut, dass wir sogar den Unterricht gemeinsam gestaltet haben. Die anderen haben keine Notwendigkeit in einer Kooperation mit mir gesehen. Da saß ich dann auch schon mal mit den Förderschüler*innen in Jacken auf dem winterlich kalten Flur.
Oder, wenn ein Schüler in meiner planmäßigen Doppelbesetzungsstunde fehlte, hat mir niemand Bescheid gesagt. Ich kam also in die Schule, begrüßte den*die Kolleg*in, musste zunächst an meine Doppelbesetzung erinnern, da sich sowieso niemand meinen Stundenplan merkte, egal wie oft ich ihn verteilte und aushängte und wurde dann – weil der*die Förderschüler*in fehlte – mit dem Kommentar, ich werde heute nicht gebraucht, unverrichteter Dinge wieder weggeschickt. Irgendwann war mir das zu blöd und ich habe mir in solchen Fällen ein Eckchen in der Bibliothek eingerichtet, um dort in Ruhe den Unterricht für die Förderschule vorzubereiten.

An dieser Schule waren mehrere Sonderpädagog*innen eingesetzt, die so wie ich stundenweise ins Gemeinsame Lernen abgeordnet worden waren. Ich war die Einzige, die blieb. Die anderen haben sich immer nach längstens einem Jahr wieder weg versetzen lassen. Ich habe mir stattdessen nach und nach meinen Platz im Kollegium erarbeitet. Irgendwann kam eine Sonderpädagogin mit voller Stelle fest an die Schule. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns mit der Sozialpädagogin verbündet und durchgesetzt, dass wir einen Teamraum bekamen. Wir haben eigenmächtig Zeit von unseren Stunden abgezweigt und einmal pro Woche Teamzeit angesetzt. Dann haben wir erreicht, dass eine Kollegin der Hauptschule als Inklusionsbeauftragte ernannt wurde, damit es eine Schnittstelle zwischen uns und dem Kollegium gab. So konnten zum Beispiel kurzfristige Änderungen in den Stundenplänen schneller kommuniziert und sonstige Abstimmungen – auch mit der Schulleitung – besser koordiniert werden. Ab da wurde es langsam besser.

Klassenszene mit Jungem im Rollstuhl und anderen Schüler*innen
Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Was muss Ihrer Erfahrung nach passieren, damit es besser läuft?

Vor drei Jahren habe ich mich aus Gründen der Wohnortnähe an eine Gesamtschule versetzen lassen, die sich schon auf den Weg zur Inklusion gemacht hatte. Dort hatten sie schon eine Struktur aufgebaut:
Ein Sonderpädagoge im Schulleitungsteam, insgesamt elf Sonderpädagog*innen fest in die Teamstrukturen eingebunden, und alle Lehrer*innen hatten im Laufe der Jahre bereits Erfahrung im Unterricht mit  inklusiven Klassen gesammelt . Es gab also in diesem großen Kollegium von 150 Lehrer*innen fast niemanden mehr, der der Auffassung war, er könne sich der Inklusion entziehen.

Ich bin aktuell  mit meiner 80%-Stelle für 12 Schüler*innen mit Förderbedarf zuständig, die auf vier Klassen nur einer Stufe verteilt sind. Das geht gut, weil ich mit den Lehrer*innen dieser vier Klassen fest im Team zusammen arbeite. Das musste sich auch erst entwickeln. Anfangs in der Jahrgangsstufe 5 hatten wir zwei inklusive Klassen mit je 5 Förderkindern und zwei nicht-inklusive Klassen. Ich wurde erst einmal eingesetzt, wo es “brannte” – interessanterweise waren das die nicht inklusiven Klassen. Im Laufe der Zeit wurde noch bei einigen Schüler*innen sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Andere wurden zum Beispiel in Parallelklassen versetzt und jetzt gelten mittlerweile alle Klassen als inklusiv.

Mein Vorteil war zusätzlich, dass ich einen Vorgänger hatte, der komplett das Bild des arbeitsscheuen Sonderpädagogen erfüllte, der selber keinen Unterricht vorbereitete und sich nur um vereinzelte Schüler kümmerte. Entsprechend niedrig war die Erwartung der Kolleg*innen an meinen Einsatz. Deshalb waren sie schnell positiv überrascht über die Arbeit mit mir und meine Vorschläge. Ich habe zum Beispiel angefangen, präventiv mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Zu den meisten hatte ich schnell einen guten Draht und so konnte ich den Kolleg*innen viel Elternkontakt abnehmen.
Ich versuche zu sehen, wo Arbeit ist und sie dann zu machen. Manchmal bedanken sich Kolleg*innen für Kleinigkeiten und melden zurück, es sei schön, mit mir zusammen zu arbeiten. Das freut mich. Mir macht es auch Spaß.
Einiges, was ich als Sonderpädagogin wie selbstverständlich mache, kann für Regelschullehrer*innen jedoch auch erstmal gewöhnungsbedürftig sein. Als ich zum Beispiel, beim Classroommanagement mit der Visualisierung von Verhaltensregeln oder Unterrichtsformen in Form von Tafelschildern und -pfeilen angefangen und Signale eingeführt habe, wurde das zunächst zum Teil belächelt. Irgendwann habe ich die Schilder vervielfältigt und in jede Klasse gehängt, damit ich sie nicht immer mitnehmen musste. Mittlerweile haben die Kolleg*innen gemerkt, dass es funktioniert – und einige benutzen die Visualisierungen inzwischen sogar selbst. Ich habe im Team angefangen, Verhaltenspläne für manche Schüler*innen zu nutzen, durchaus nicht nur für Förderkinder. Es geht doch darum, wer einen solchen Plan braucht. Das Gute ist ja, dass von der Inklusion alle Schüler*innen und Lehrer*innen profitieren. Manchmal werde ich im Motivationseifer auch ungewollt übergriffig. Ich habe zum Beispiel ein Methodenregal eingerichtet und dafür andere vermeintlich ungenutzte Sachen irgendwo in eine Ecke geräumt. Da war eine Kollegin erstmal sauer, weil das ihre Arbeitsmaterialien waren. Hätte ich wohl erstmal fragen sollen...

Offenbar hängt es – neben der Personalausstattung – vor allem auch von den einzelnen handelnden Personen ab, ob Inklusion an einer Schule gelingt. Wie kann man darüber hinaus kommen?

Aus meiner Sicht ist eines der großen Probleme mit der Inklusion in den Schulen, dass es von „oben“ nie ein Konzept oder zumindest eine orientierende Hilfestellung dafür gab, wie die Umsetzung aussehen sollte. Man hat sich offenbar gedacht, dass man nur die Sonderpädagog*innen über allen möglichen Schulformen ausstreuen muss, und diese dann schon wissen würden, wie es geht. Das musste schief gehen. Keiner wusste, wie man vorgehen soll. Jede Schule musste erst mühsam ihre eigenen Ideen entwickeln, welche Strukturen und Konzepte man braucht. Und jede Schule kocht ohne koordinierte Vernetzung nur ihr eigenes Süppchen, so dass auch die nächste Schule wieder von vorn anfängt.

Diese fehlende Steuerung nervt ungeheuer. Das führt nicht zu Freiheit, sondern zu Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Es hat auch den Sonderpädagog*innen die Arbeit zusätzlich erschwert. Die kamen nämlich an die Schulen als die personifizierte Inklusion. Unter dem Motto: Jetzt sind die da und jetzt müssen wir es wirklich machen. Das hat dazu geführt, dass Sonderpädagog*innen mit Ablehnung empfangen wurden. Es wusste ja auch keiner, was deren Aufgabe ist. Aus Sicht der Lehrer*innen war unklar, was genau die Sonderpädagog*innen machen (sollten). Sie sahen oberflächlich betrachtet nur: Die müssen offenbar keinen Unterricht vorbereiten und verdienen mehr als wir. Das führte in vielen Fällen dazu, dass sie ihnen die Förderkinder überließen und sich nicht mehr weiter zuständig fühlten. Zu den Fortbildungen gingen dann auch oft nur die Sonderpädagog*innen. So kann sich aber keine wirklich inklusive Schule entwickeln.

Was von oben gefehlt hat, war eine positive Marschrichtung, die den Kollegien das Gefühl gibt: Wir sind für euch da, wir helfen euch, wir liefern euch Konzepte, wir sagen euch, in welcher Form ihr Teamstrukturen schaffen könnt. Aber gefühlt kam da gar nichts. Man stand als neu dazu gekommene Sonderpädagog*in vor der Aufgabe, erst einmal die Schule von der Inklusion überzeugen zu müssen. Mit mehr Vorgaben von oben hätten wir eine ganz andere Rolle gehabt und Mut machen können. Dann hätten wir mit Zuversicht sagen können: „Ich bin nicht die Ursache dafür, dass die Inklusion jetzt kommt. Aber ich bin hier und helfe euch tatkräftig, sie gemeinsam umzusetzen.“

Sandra Stubbra-Schlütken ist seit 12 Jahren Sonderschullehrerin mit den studierten Förderschwerpunkten Lernen (LE) und Körperlich Motorische Entwicklung (KME) in Nordrhein-Westfalen. Nach 8 Jahren als Klassenlehrerin an einer Förderschule Lernen im Sekundarbereich und dem gleichzeitigen Einsatz im Gemeinsamen Lernen an verschiedenen Haupt- und Gesamtschulen ist sie vor 3 Jahren voll in die Inklusion gewechselt. Aktuell unterrichtet, begleitet und unterstützt sie als Sonderpädagogin an einer Gesamtschule die Schüler der Stufe 8. Zum Thema Inklusion berichtet und ermutigt sie in ihrem Instagramblog @Inklusion_fuer_Anfaenger.


Wir werfen einen neuen Blick auf Inklusion – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert dazu hat uns der neue Film DIE KINDER DER UTOPIE.

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