FILM KAUFEN ODER LEIHEN

INFORMATIONEN FÜR ELTERN UND ERZIEHENDE

Eine der wichtigsten und herausforderndsten Entscheidungen im Eltern- und Erziehendenleben ist es, die passende Schule fürs Kind zu finden. Welche Schwerpunkte soll man setzen? Welche Bedürfnisse hat das Kind? Ist die Schulwahl für das Berufsleben des Kindes entscheidend?
Regisseur Hubertus Siegert stand vor Jahren ebenfalls vor dieser Entscheidung für seinen Sohn. Und ging – ganz ungeplant – so tief in die Materie, dass er gleich zwei Filme darüber drehte: KLASSENLEBEN und DIE KINDER DER UTOPIE.

Klar ist: Die einzig richtige Entscheidung gibt es nie. Eine Mutter beschreibt, warum sie sich entschied, ihre nichtbehinderten Kinder auf eine Inklusionsschule zu geben – und welche Erfahrungen sie dabei machte.

Das Thema Inklusion in der Schule emotionalisiert. In den Medien liest man von „Inklusion als Sparprogramm“, unter dem sowohl die Lehrenden als auch SchülerInnen leiden.
Um Ihnen eine Entscheidungshilfe zwischen gefühlten Wahrheiten und tatsächlichen Fakten zu geben, haben wir für Sie im Rahmen der Kampagne zum Film DIE KINDER DER UTOPIE zusammen mit den Journalistinnen Eva-Maria Thoms und Suse Bauer sowie dem Aktivisten Raúl Krauthausen Hintergrundinformationen recherchiert.

WIE VIELE SCHÜLER MIT FÖRDERBEDARF GIBT ES TATSÄCHLICH?

Wenn es um die Umsetzung der Inklusion, hat man das Gefühl, es werden nun jede Menge FörderschülerInnen die Regelschulklassen „überschwemmen“.
Das entspricht entspricht nicht den tatsächlichen Zahlen.

Wenn Deutschland ein inklusives Schulsystem ohne Förderschulen hätte, würden sich die Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf wie folgt verteilen (statistisch, bei Klassenstärke von 20 Schülern):
– in jeder Klasse ein bis zwei Kinder mit besonderem Förderbedarf
– in jeder Klasse ein Kind mit Lern-, Verhaltens- oder Sprachproblemen
– in jeder 6. Klasse ein Kind mit geistiger Behinderung
– in jeder 14. Klasse ein körperlich behindertes Kind
(Quelle: Prof. Dr. Schöler, Inklusionsfakten)

Insgesamt haben 7,1% aller schulpflichtigen Kinder einen Förderbedarf, diese teilen sich wie folgt auf:
– Förderbedarf Lernen: 36,5% aller Kinder mit Förderbedarf
– Förderbedarf Emotionale und soziale Entwicklung: 16,6% aller Kinder mit Förderbedarf 
– geistige Entwicklung: 16,7% aller Kinder mit Förderbedarf 
– Förderbedarf Sprache: 10,7% aller Kinder mit Förderbedarf
– körperliche und motorische Entwicklung: 7% aller Kinder mit Förderbedarf
– Förderbedarf Hören: 3,7% aller Kinder mit Förderbedarf
– Förderbedarf Sehen: 1,6% aller Kinder mit Förderbedarf 
(Quelle: „Unterwegs zur inklusiven Schule Lagebericht 2018 aus bildungsstatistischer Perspektive“, Prof. Dr. Klaus Klemmen, Bertelsmann Stiftung)

BIETET EINE FÖRDERSCHULE MEINEM KIND DEN GEWÜNSCHTEN SCHONRAUM?

Das Konzept Förderschule als Schonraum funktioniert in der Breite nicht wie erhofft. Isolation, Versagenserfahrungen, Stigmatisierung usw. wirken im Gegenteil belastend.

Die ehemalige Bildungspolitikerin Dr. Brigitte Schumann promovierte zu dem Thema „Ich schäme mich ja so! Die Sonderschule für Lernbehinderte als Schonraumfalle”. Schumann bestreitet die These, dass Förderschulen für Kinder mit Behinderung ein entwicklungsfördernder Schonraum seien. Sie weist anhand ihrer Untersuchungsergebnisse sogar auf ein „gewaltbegünstigendes Schulklima” an Förderschulen hin, das unter anderem durch die soziale Isolation entsteht, die diese Schulen bewirken.
Dr. Brigitte Schumann schreibt: „In seinen Untersuchungen hat Klaus-Jürgen Tillmann (…) die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen als Ort mit den höchsten Zahlen an Gewalthäufigkeit ausgewiesen.“
In einer  Studie über „Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher”wurde festgestellt, dass Jugendliche an Förderschulen häufiger von sexueller Gewalt betroffen sind als die Schülerschaft an Regelschulen.
(Weitere Quelle zur Vertiefung der Thematik: „Integrationsforschung und Bildungspolitik im Dialog“)

HAT MEIN KIND AN EINER FÖRDERSCHULE BESSERE CHANCEN AUF EINEN GUTEN SCHULABSCHLUSS?

Förderschulen scheinen durch kleinere Klassen und individuelle Förderung ein besseres Lernumfeld zu bieten als Regelschulen. Aber stimmt das in der Praxis auch wirklich? Tatsächlich verlassen drei Viertel der SchülerInnen die Förderschule ohne Abschluss.

In der von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen Studie „Sonderweg Förderschulen: Hoher Einsatz, wenig Perspektiven” belegt der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Klemm, „dass Förderschülerinnen und -schüler in integrativen Settings gegenüber denen in institutionell separierenden Unterrichtsformen einen deutlichen Leistungsvorsprung aufweisen.” 

WIRKT SICH INKLUSIVER UNTERRICHT NEGATIV AUF NICHTBEHINDERTE KINDER AUS?

Einige Eltern, die bisher keine Erfahrungen mit inklusivem Unterricht machten, fragen sich, ob der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern zu Problemen führen könnte. Ob ihre nichtbehinderten Kinder in der Aufmerksamkeit der Lehrkräfte zu kurz kommen, das Lerntempo zu reduziert – sie schlichtweg nicht die Förderung und Leistungsstärke entwickeln, wie in homogeneren Lerngruppen.
Tatsächlich haben

FUNKTIONIERT SCHULISCHE INKLUSION BEI ALLEN BEHINDERUNGSFORMEN?

Grundsätzlich muss man sich zunächst fragen, was unter einer erfolgreichen Schullaufbahn zu verstehen ist. Sind hier ausschließlich die Zensuren entscheidend? Oder auch das, was man als Team gemeinsam geschafft und aufgebaut hat?
An der Schülerin Lena aus KLASSENLEBEN kann man gut erkennen, dass sie – mit ihrer ausgeprägten Behinderung – ein wichtiger und fester Bestandteil der Klassengemeinschaft war. Wenn es also um die emotionale Reifung geht und um vielfältige Erfahrungen, funktioniert schulische Inklusion bei allen Behinderungsformen.

WEITERFÜHRENDE LINKS:
– Elternverein mittendrin e.V.
– Inklusion in der Schule: Pro und Contra / Aktion Mensch
– Factsheet Inklusion / Bertelsmann Stiftung
– Unterwegs zur inklusiven Schule Lagebericht 2018 aus bildungsstatistischer Perspektive / Bertelsmann Stiftung
– Projekt „In Vielfalt besser lernen“ / Bertelsmann Stiftung