Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

Greta Thunberg: „Ich spreche nur, wenn ich es für nötig halte.“

Die Aktivistin Greta Thunberg wird vielfach nicht ernst genommen – weil sie Autistin ist. Aber vielleicht können uns gerade Menschen mit Behinderung in diesen chaotischen Zeiten helfen, die wesentlichen Fragen anzugehen.

Greta Thunberg: „Ich spreche nur, wenn ich es für nötig halte.“

Autisten mangelt es an Empathie, die können gar nicht mitfühlen. Alles, was außerhalb ihres direkten, physischen Selbst vonstatten geht, ist für sie vollkommen belanglos. Eine Autistin, die sich für das Wohl der Menschheit interessiert – so sehr, dass sie dafür kämpfen will und Konsequenzen für ihre eigene Zukunft in Kauf nimmt: eine Utopie. Sicher eine falsche Diagnose, Effekthascherei, mindestens eine unerklärliche Ausnahme unter den Menschen mit Behinderung.

FDP-Politikerin Ann-Kristin Spindler twitterte am 10. Februar, sie verstünde nicht, wieso Thunberg „grundlos gehypt wurde“ und fragte sich, „warum man ein so krankes Kind (Asperger-Syndrom) dieser Medienvermarktung aussetzt und der Jugendschutz da nicht eingreift.“ Nach einer Welle des Protests wurde der Tweet gelöscht.

Greta Thunberg ist eine außergewöhnliche Person, ein besonderer, starker Mensch. Nicht statt Asperger, sondern deswegen.

Demonstration: Fridays for Future

Am 20. August 2018 beschloss Thunberg, dass sie das Voranschreiten des Klimawandels nicht länger schweigend mit ansehen könne, und entschied, ihre Schule zu bestreiken. Über sechs Monate später streikt sie noch immer – und hat ganz nebenbei eine Bewegung losgetreten. Unter dem Namen „Fridays for Future“ streiken Schüler*innen mittlerweile rund um den Globus, um auf die katastrophalen Auswirkungen der Erderwärmung aufmerksam zu machen. Warum für eine Zukunft lernen, die es gar nicht geben wird, so der Duktus. Die Aktivistin schaffte es mit ihrem Protest zur UN-Klimakonferenz nach Katowice, zum Weltwirtschaftsforum in Davos und zum Kongress des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses – stets mit der Bahn, versteht sich.

Nicht stark statt Asperger, sondern deswegen

In den Medien betont Thunberg immer wieder, dass ihr Autismus kein Hindernis, sondern vielmehr ein Grund für ihren Protest sei. Schon in ihrem Vortrag bei einer TED-Konferenz im November 2018 in Stockholm sprach Thunberg von ihren Diagnosen: Asperger-Syndrom, Zwangsstörungen und selektiver Mutismus. 

„Im Grunde bedeutet es, dass ich nur spreche, wenn ich es für nötig halte. Jetzt ist einer dieser Momente“, sagt Thunberg und erntet Applaus. Sie erklärt weiter:

Für Menschen mit einer Form von Autismus ist fast alles schwarz oder weiß. Wir können nicht gut lügen und meist nehmen wir ungern am sozialen Leben teil, das alle anderen so zu mögen scheinen.

Und sie erzählt dann auch, was ihre Diagnosen mit der Thematik Umweltschutz und ihrem Protest zu tun hat:

Besonders beim Thema Nachhaltigkeit, über das jeder sagt, der Klimawandel sei eine existenzielle Bedrohung und das wichtigste Thema von allen, machen alle weiter wie bisher. Ich verstehe das nicht, denn wenn Emissionen gestoppt werden müssen, dann müssen wir sie stoppen. Ich sehe das schwarz-weiß. Es gibt keine Grauzonen, wenn es um das Überleben geht. Entweder bestehen wir als Zivilisation weiter oder nicht. Wir müssen uns ändern!

Alles gut und schön, mag man nun sagen, aber der Widerspruch bleibt bestehen. Entweder ist Thunberg gar keine Autistin oder sie ist eben ein begrüßenswerter Sonderfall und der Klimawandel ist durch puren Zufall ihr Spezialinteresse geworden. Ihr Protest ist ein pures Hineinsteigern in ein beliebiges Thema – weil Autist*innen das eben machen. Autist*innen sorgen sich um sich selbst - aber doch nicht um die Verfassung des Planeten, oder schlimmer noch, anderer Menschen. Und damit basta.

Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum

Foto: World Economic Forum (Mattias Nutt). Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Der israelische Hirnforscher Henry Markram würde, ebenso wie viele seiner Kollegen, vehement widersprechen. Zusammen mit seiner Frau, der deutsch-polnischen Neurowissenschaftlerin Kamila Makram, forscht er seit Jahren zum Themenfeld „Autismus und Empathie“ und das mit überraschenden Ergebnissen. Autist*innen sind ihnen zufolge nicht weniger empathisch als neurotypische Menschen. Das Gegenteil soll der Fall sein. Autist*innen empfinden demnach ständig ein derartiges Zuviel an Emotionen, dass es einfacher ist, die Gefühlswelt einfach großflächig auszublenden. Statt sich um andere Lebewesen und die Umwelt im Allgemeinen nicht zu scheren, lastet auf Autist*innen dieser Theorie nach andauernd die Ungerechtigkeiten der Menschheit an sich. Diese Ergebnisse passen auch mit der landläufigen Erkenntnis zusammen, dass Autist*innen tatsächlich über einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügen und meist schwarz-weiß denken. Es gibt keine Zwischentöne: Sachen sind gut, oder sie sind eben nicht gut. Der Klimawandel ist, da sind wir uns alle einig, nicht gut, also muss etwas getan werden.

Sachen sind gut, oder sie sind eben nicht gut

Die Handlungsspielräume einer 16 Jahre alten Schülerin sind beschränkt. Sie kann keine Gesetze ändern, sie kann keine Regeln implementieren. Für eine solche Position müsste sie Jahre – eher noch Jahrzehnte – arbeiten und selbst dann würde ihr im schlimmsten Fall kaum jemand zuhören. Erwachsene erzählen uns seit den 1980er Jahren, was auf dem Spiel steht. Erwachsene in schwergewichtigen Positionen, mit Doktortiteln und Forschungsergebnissen. Denen haben wir auch nicht zugehört. Da kann auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner auf Twitter behaupten, man könne von Kindern und Jugendlichen „nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen“, und lamentieren es sei eine „Sache für Profis“. Thunbergs Protest basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen eben jener Profis. Der Unterschied ist lediglich, dass wir ihr zuhören. Weil sie uns dazu zwingt.

Als Autistin kann ich diese Theorie für mich selbst nachvollziehen. Das trifft sicher nicht auf das Eigenempfinden aller Autist*innen zu, aber für mich passt es. Sowohl die unorthodoxe Art des Protests als auch die tiefe Empfindung, dass eine Ungerechtigkeit vonstatten geht, kenne ich von mir selbst.

Weil ich es nicht aushalte, gar nichts zu tun

Ich habe selbst bei einem Castor Transport im tiefsten Winter tagelang auf einer Straße geschlafen, war seit meiner frühen Jugend auf unzähligen Demonstrationen gegen Neo-Nationalsozialismus, für Umweltschutz und Minderheitenrechte. Nicht, weil ich Demonstrationen so tiefenentspannend finde – sie zehren mich auf. Sondern, weil mir diese Themen wichtig sind, weil ich es schlicht und ergreifend nicht aushalte, gar nichts zu tun oder im Stillen, leise, für mich allein weniger Plastik zu verbrauchen und Ökostrom zu zahlen.

Man mag über die Sinnhaftigkeit von Demonstrationen und Streiks diskutieren – Fakt ist, dass sich ohne Bewegung eben auch nichts bewegt. Greta Thunberg hat die Ohnmacht nicht mehr ausgehalten, sie sah eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und wusste, dass sie etwas tun muss, um nicht an ihren eigenen Gedanken zu verzweifeln. Sie musste ihre Kraftlosigkeit überwinden, aktiv werden in einer Weise, die laut genug ist, um etwas zu verändern. Auch ein stummer Protest kann laut sein, wenn man ihn sichtbar genug gestaltet. Greta Thunberg hat das geschafft – wegen ihres Autismus. Jetzt ist die Zeit, ihr zuzuhören und zu handeln, damit der unverrückbare Mut, den sie uns schenkt, nicht ganz umsonst war.


Wir wollen einen neuen Blick auf Inklusion werfen – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert hat uns der neue Kinofilm DIE KINDER DER UTOPIE.

Sie wollen mitdiskutieren? Holen Sie den Film auch in Ihre Stadt: Melden Sie jetzt schon Ihr Interesse an unserem bundesweiten Aktionsabend am 15. Mai 2019 an!

Reaktionen