Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

Die große Unbequemlichkeit

Inklusion funktioniert nicht nach Schema F. Das ist unbequem, aber es stärkt das Miteinander und macht die Gesellschaft lebendiger.

Die große Unbequemlichkeit

Vor einem Jahr habe ich angefangen, Cello zu spielen. Meine Cellolehrerin ist eine wunderbare Cellistin, die aus Bulgarien stammt und schon lange in Deutschland lebt. Ihr Deutsch ist hervorragend – nur manchmal, ganz selten, benutzt sie ein Wort, das nicht so ganz passt. Eines davon war “gemütlich” – in Bezug auf meine Bogenhaltung. “Ich weiß, es nicht gemütlich”, kommentierte sie, wenn ich den Bogen – wieder – nicht richtig hielt. Sie meinte “bequem” - und in der Tat, die richtige Bogenhaltung, jedenfalls für eine Anfängerin wie mich, ist extrem unbequem. Aber: wenn ich mich um die richtige Bogenhaltung bemühe, dann klingt das, was ich spiele, plötzlich hundertmal besser.

Cellospieler

Wie die Bogenhaltung, ist Inklusion auch nicht bequem. Und schon gar nicht gemütlich. Inklusion heißt, für alle, immer wieder in Frage zu stellen, was dem einen oder dem anderen selbstverständlich erscheint. Und: was für einen Menschen bequem wäre und ihm Teilhabe ermöglicht, das kann einen anderen Menschen ausschließen. Oder in seiner Entwicklung hemmen. Oder es kann andere, ungeahnte Folgen haben.

  • Der Kantstein, der für Kinderwagen, Rollstühle, Rollatoren oft ein so großes Hindernis ist, bietet  einer, die den weißen Stock benutzt, wichtige Orientierung.
  • Die Knöpfe vom Fahrstuhl, die in gut greifbarer Nähe für jemanden sind, der einen Rollstuhl benutzt, sind genauso gut zu erreichen für Kinder im Buggy - die damit den gesamten Fahrstuhl lahmlegen können.
  • Die starken Kontraste und kräftigen Farben, die für Menschen mit Sehbehinderung hilfreich sind, können einen Menschen mit einer gestörten Sinnesverarbeitung überfordern.
  • Der Geräuschpegel und die vielen gleichzeitigen Gespräche, aus denen ein extrovertierter Mensch auf einer fröhlichen Party Energie zieht, kosten einen introvertierten auf derselben Party unglaubliche Kraftressourcen.
  • Die Musik, die den einen hilft, sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, lenkt die anderen schon von der kleinsten Aufgabe ab.
  • Der Waldweg, auf dem die einen barfuß wieder Kontakt zu sich selber findet, ist für andere gar nicht zugänglich.

Die Liste ist endlos – und zu jedem einzelnen der oben genannten Punkte kann man sagen: “Ja, aber…” Und dann anführen, warum dass denn nun für die eine oder andere der oben genannten Gruppen gar nicht so schlimm oder verschmerzbar wäre – oder die Alternativen noch mehr Leute ausschließen würden. Nur:  “Ja, aber…” ist genau nicht der Punkt.

"Ja, und..." statt "Ja, aber..."

Der Punkt ist vielmehr der Weg zum “Ja, und…”. Es geht nicht um die eine, perfekte Welt, in der alles für alle leicht und erreichbar ist. Denn die gibt es nicht. Lois Lowry hat in ihrem Buch “Hüter der Erinnerung” sehr genau beschrieben, was der Preis für solche scheinbare Perfektion ist: eine gleichförmige Welt. Eine Welt, in der es zwar keine Schmerzen mehr gibt und keine Trauer, kein Leid, aber auch: keine Freude. Keine Verbundenheit miteinander. Und auch: keine Farben, keine Musik, keine Freundschaft, keine Liebe, keine Erinnerungen. Alle Erinnerungen konzentrieren sich in dem einen “Hüter der Erinnerungen”, damit alle anderen einer vorgegebenen Norm entsprechen können, in einer gleichförmigen Harmonie.

Inklusion heißt nicht Harmonie und Bequemlichkeit für alle. Inklusion heißt: “Ja und…”: und zwar auf drei verschiedene Weisen:

  • Zum Ersten: Was müssen wir tun, damit möglichst viele Erfahrungen von möglichst vielen Leuten selbstverständlich geteilt werden können? Das fängt mit selbstverständlich gemeinsam besuchten Schulen an, und hört mit einem inklusiven Blick auf unterschiedliche Bedürfnisse bei der Gebäudeplanung, bei der Länge von Ampelphasen, bei der Konzeption von Ausstellungen, die auf viele Weisen zugänglich sind, noch lange nicht auf.
  • Zum Zweiten: Was können wir ändern, um verschiedenen, sehr konkreten Situationen Inklusion – Teilhabe – zu ermöglichen? Das bedeutet: in diesem Kontext, zum Beispiel in dieser Schule, in dieser Klasse, mit diesen Mitschüler*innen und Lehrkräften – was braucht dieses eine Kind und was braucht diese eine Gruppe, damit sie zu einer inklusiven Gruppe wird? Das können scheinbare Kleinigkeiten sein: ein geeigneter Sitzplatz in der Klasse. Ein Rückzugsraum. Ein Teppich oder gerade kein Teppich. Jemanden, der genau hinguckt – und manchmal vielleicht auch jemanden, der absichtsvoll wegschaut, um Freiraum zu geben und Lösungen zuzulassen
  • Und zum Dritten: Wie können wir lernen auszuhalten, dass es die Unterschiede sind, die das Leben spannend und lebenswert machen? Nicht Unterschiede im Sinne der Chancenungerechtigkeit (wie der Unterschied zwischen guter und schlechter medizinischer Versorgung), sondern die Unterschiede zwischen laut und leise, zwischen kräftig und pastell, zwischen schnell und langsam, zwischen Worten und Musik, zwischen groß und klein und kräftig und zart und dunkel und hell und traurig und fröhlich – und auch zwischen allem, was zwischen allen diesen Polen liegt. Es wäre vermessen zu sagen, niemand darf mehr malen, weil es Menschen gibt, die das Gemalte nicht sehen können. Niemand mehr auf Bäume oder Berge klettern, weil es Menschen gibt, die das nicht können. Niemand mehr komplexe Texte schreiben, weil es Menschen gibt, die sie nicht verstehen. Auch das wären ja alles nur Anpassungen von der Sorte, wie wir sie über Jahrhunderte gerade von Menschen mit Behinderungen erwartet haben – “nur” in die andere Richtung. Stattdessen brauchen wir Neugier und einen Blick, der sich nicht mehr an einer abstrakten Norm orientiert, sondern an Möglichkeiten: an den visuellen Fähigkeiten eines Gebärdenmuttersprachlers, an der dreidimensionalen Orientierung von jemandem, der Klicksonar benutzt, an dem Wert der Stille für einen Introvertierten, an dem Blick fürs Wesentliche eines Nutzers von Leichter Sprache.

Weil der Klang unermesslich reicher ist

Die Möglichkeiten für Inklusion sind endlos – wenn wir uns gegenseitig die Chance geben, uns in aller Unterschiedlichkeit, mit allen Licht- und Schattenseiten, stehenzulassen. Ohne uns gegenseitig Steine in den Weg zu werfen oder zu vergessen, dass das, was für mich leicht umschiffbar ist, für jemanden anders ein großes Hindernis sein kann. Und umgekehrt. Bequem ist das nicht. Genausowenig wie die Bogenhaltung, die zu wirklich guten Ergebnissen führt beim Cellospielen. Aber: lohnend. Weil der Klang unermesslich viel reicher ist, wenn wir uns einlassen auf diese Unbequemlichkeit.


Wir werfen einen neuen Blick auf Inklusion – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert dazu hat uns der neue Film DIE KINDER DER UTOPIE.

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