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Das Drama kann man stoppen

Wenn über Inklusion in der Schule geredet wird, geht es meistens um Probleme. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Instagram-Blog „Inklusion für Anfänger“. Mit diesem Blog hat die Sonderpädagogin Sandra Stubbra-Schlütken eine gnadenlos positive Plattform für Tipps ums Gemeinsame Lernen geschaffen – und ist damit sehr erfolgreich.

Das Drama kann man stoppen

Lehrer*innen haben in diesen Zeiten in der Schule wirklich genug zu tun. Wie kam es, dass Sie auch noch Energie in einen Instagram-Blog zum Thema Inklusion stecken?

Ich war schon immer mitteilungsbedürftig und mag es, mich zu vernetzen. Das fing schon in meiner Zeit als Klassenlehrerin an der Förderschule Lernen an. Damals habe ich begonnen erste Facebook-Gruppen für die Schüler*innen zu eröffnen. Mit E-Mails konnten sie nicht viel anfangen. Sie hatten keine Mailadresse und wenn wir gemeinsam eine anlegten, fiel es ihnen oft schon schwer, sich die Passwörter zu merken. Über Facebook waren sie auf einmal viel besser erreichbar. Nebenbei konnte ich ein bisschen an ihrer Medienkompetenz arbeiten, wenn ich mitbekam, wie sie das Soziale Netzwerk nutzen. So konnte ich etwa die Rückmeldung geben, dass es sinnvoller wäre, die Privatsphäreeinstellungen zu ändern, anstatt seine Liebesbekundungen an 350 Leute zu verteilen.
Auch später in den Kollegien meiner inklusiven Schulen habe ich immer schnell Whatsapp-Gruppen zur schnelleren Informationsweiterleitung gegründet. Das ist für mich als Sonderpädagogin praktisch, weil ich jobbedingt immer mit vielen Lehrer*innen kooperieren und am meisten kommunizieren muss. Leider können nicht alle Kolleg*innen damit etwas anfangen. Viele bekommen lieber Mails, aber das ist oft eine einseitige Sache, über die man nicht wirklich gut in den Austausch kommt. Inzwischen klappt das an meiner jetzigen Schule ganz gut. Wir sind rund 60 Kolleg*innen (von 150) in der Gruppe „Inklusionsideen“ und viele sind dankbar über die Anregungen, weil sie im Studium mit Inklusion keine Berührungspunkte hatten.
Der Anfang war tatsächlich sehr zäh. Das hat mir nicht gereicht. Ich habe ein großes Bedürfnis nach Austausch über Inklusion, weil an den Schulen viele Dinge erst noch entwickelt werden müssen und die meisten Sonderpädagog*innen, selbst wenn sie an einer Schule arbeiten, doch in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt sind und nicht direkt kooperieren. Wenn man mitbekommt, wie die anderen es machen, muss man nicht alles selbst erfinden und kann auf bereits Erprobtes und für gut Befundenes zurückgreifen. Auf Instagram war ich ohnehin bereits aktiv. Wenn man dort an Lehrerchallenges teilnehmen will, braucht man einen öffentlichen Account. Den habe ich dann „Inklusion für Anfänger“ (@Inklusion_fuer_Anfaenger) genannt. Dahinter stand die Hoffnung, dass darüber eine weitere Form der Vernetzung entstehen könnte, denn andere Accounts zum Thema Inklusion hatte ich dort zum damaligen Zeitpunkt im April 2017 noch nicht gesehen. Ich habe schnell gemerkt, dass das Teilen und der Austausch über die eigenen Ideen im Bereich Social Media eine viel dankbarere Sache war als die schulinternen Vernetzungen. Der Inhalt meines Feeds entwickelt sich meist nach Bedarf und Bauchgefühl: praktische Tipps, Statements zur pädagogischen Haltung, Highlights aus der Schule.
Es gab schnell sehr viel Feedback und die Leute fingen an, auch ihre eigenen Erfahrungen, Tipps und Unterrichtsideen mitzuteilen. Trotzdem handhabe ich das in meiner Schule nicht ganz so öffentlich. Social Media ist wegen der Datenschutzfragen im schulischen Bereich doch sehr umstritten und stößt schnell auf Skepsis. Ich achte auch immer darauf, dass meine Schüler*innen nicht zu erkennen sind und weder der Name, der Ort und noch mein Klarname auftauchen. Aber einige Kolleg*innen haben mich schon von allein gefunden, und übrigens auch ein paar Schüler*innen. Die sind meist sehr beeindruckt, dass ich so viele Follower habe – mehr als sie mit ihren Dauerselfies.

In Ihrem Blog wird das Thema Inklusion konsequent positiv behandelt. Wie schaffen Sie das?

Ich habe im Gemeinsamen Lernen auch nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Aber irgendwann habe ich das Drama bewusst abgestellt. Ich habe einfach festgestellt, dass mich das runterzieht und bremst. Natürlich kann man ganze Nachmittage mit Kolleg*innen mit Beschwerden über die schlechte Situation verbringen. Dass die Personaldecke nicht reicht, dass die Kolleg*innen nicht wunschgerecht kooperieren, dass man auf sich allein gestellt ist, dass für die Kinder die Förderung nicht stimmt – was auch immer. Dann landet man schnell in einer Negativspirale – das Kopfkino übernimmt, und das Einzige, was man dadurch erreicht, ist, dass man sich gemeinsam schlecht fühlen kann. Es gibt ja bereits mehrtägige Fortbildungen zur Inklusion, in denen man gar nicht mehr zum Arbeiten kommt, weil man sich die meiste Zeit nur darüber austauscht, was alles nicht läuft. Und wenn ich jetzt Kolleg*innen erlebe, die immer alles negativ sehen, dann versuche ich, mir diesen Schuh nicht anzuziehen. Oder ich verlasse sogar das Gespräch, weil das einfach nur anstrengend ist und nervt. Stattdessen versuche ich, positiv dagegen zu wirken, zum Beispiel über positives Feedback an den richtigen Stellen.

Wie stellt man das Drama ab?

Es ist tatsächlich eine bewusste Entscheidung. Man kann seine Gedanken bewusst steuern und man kann auch Gedanken stoppen. Ich springe zum Beispiel auch auf Instagram auf diese Montagswelle nicht mehr auf, in der es ja stets darum geht, dass das Wochenende zu kurz und der Stress zu groß ist. Statt mich endlos aufzuregen über Dinge, die noch nicht gut laufen, sammele ich die positiven Erlebnisse. Anfangs habe ich sogar Listen darüber geführt, was schon gut läuft. Das brauche ich jetzt nicht mehr. Es gibt ja so viele, die sagen, mit der Inklusion beginne ich erst, wenn die Klassen doppelt besetzt sind. Unter den aktuellen Bedingungen kann ich noch nicht starten. Ich schau mir das von der anderen Seite an: Ja, die Ressourcen sind nicht in ausreichendem Maße da, aber ich kann ja schon einmal anfangen mit dem, was bereits zur Verfügung steht. Also meine Devise: Hör auf dich zu beschweren und schau, was geht.
In der praktischen Arbeit hat mir dabei geholfen, meinen Unterricht flexibler vorzubereiten. Es gibt eben Tage, an denen mit den Schüler*innen die ausgeklügeltste Unterrichtsgestaltung nicht funktioniert. Dann muss ich bereit sein für Plan B. Meine Erfahrung aus der Förderschule ist ja auch, dass Schüler*innen manchmal besser lernen, wenn man den Plan mal beiseite schieben kann. In der Zusammenarbeit mit den Regelschulkolleg*innen achte ich darauf, dass ich nicht die Fördertante bin, die ständig  kritisiert, sondern dass ich mit anpacke und schaue, was mit den einzelnen Kolleg*innen möglich ist. Mit der einen bin ich schon bei der gemeinsamen Unterrichtsplanung und -durchführung, bei dem anderen bin ich die Doppelbesetzung, die sich um Verhalten und Unterrichtsklima kümmert. Und wenn ich auf dem Pausenhof eine Auseinandersetzung unter Schüler*innen sehe, dann greife ich ein, auch wenn keine Förderschüler*innen beteiligt sind. Inklusion bezieht sich auf alle Schüler*innen.
Ich finde es auch wichtig, die Regelschulkolleg*innen zu ermutigen. Viele denken, wir Sonderpädagog*innen seien kompetenter darin, mit Schüler*innen individuell strukturiert zu arbeiten, alle Sinne einzusetzen usw. Ja, womöglich haben wir da einen Vorsprung, weil wir praktische Erfahrungen an den Förderschulen gesammelt haben. Wir sind aber weder Expert*innen für alle Förderschwerpunkte, noch wissen wir, wie eine optimal umgesetzte Inklusion an der Regelschule aussehen kann und sollte. Die Kolleg*innen denken, sie hätten im Studium und Referendariat nicht gelernt, wie sie mit der neuen Schülerschaft umgehen sollen. Haben sie aber - jedenfalls nicht weniger als wir. Wir sind alle Pädagog*innen. Und wenn wir es hinbekommen, dass sich alle gemeinsam auch (voll)verantwortlich um die Förderschüler*innen kümmern, dann würde Inklusion auch besser funktionieren. Wir wissen ja, dass es nicht für jede Klasse eine*n Sonderpädagog*in geben wird.

Sandra Stubbra-Schlütken ist seit 12 Jahren Sonderschullehrerin mit den studierten Förderschwerpunkten Lernen (LE) und Körperlich Motorische Entwicklung (KME) in Nordrhein-Westfalen. Nach 8 Jahren als Klassenlehrerin an einer Förderschule Lernen im Sekundarbereich und dem gleichzeitigen Einsatz im Gemeinsamen Lernen an verschiedenen Haupt- und Gesamtschulen ist sie vor 3 Jahren voll in die Inklusion gewechselt. Aktuell unterrichtet, begleitet und unterstützt sie als Sonderpädagogin an einer Gesamtschule die Schüler der Stufe 8. Zum Thema Inklusion berichtet und ermutigt sie in ihrem Instagramblog @Inklusion_fuer_Anfaenger.


Wir wollen einen neuen Blick auf Inklusion werfen – entspannter und lösungsorientierter. Inspiriert hat uns der neue Kinofilm DIE KINDER DER UTOPIE.

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