Die Kinder der Utopie Die Kinder der Utopie

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Bert Rebhandl

Geboren 1964 in Kirchdorf/Krems (Oberösterreich). Kindheit im Windischgarstner Tal.

1983 Matura am Kollegium Petrinum in Linz (damals war die Schule noch das nicht koedukativ geführte Bischöfliche Knabenseminar mit Vollinternat).

Studium der Kath. Theologie und Germanistik, später auch Philosophie in Wien, sehr viel später auch FU Berlin und Fernuniversität Hagen.

Seit 1993 freier Journalist und Autor, zuerst in Wien, ab 2000 in Berlin. Filmkritiker für die FAZ. Übersetzungen aus dem Englischen. Seit 2009 Herausgeber (gemeinsam mit Ekkehard Knörer und Simon Rothöhler) des Magazins CARGO Film Medien Kultur (vierteljährlich) und der dazugehörigen Seite www.cargo-film.de.

  • Verbundenheit mit Beeinträchtigungen

    Wenn Johanna unterwegs im Bus den Kopf schüttelt, dann hat sie das Gefühl, dass alle Menschen nach ihr gucken. Früher hatte sie deswegen einen richtigen Knacks. Inzwischen hat sie das Gefühl, dass sie das Kopfschütteln halbwegs im Griff hat. Es kommt von einer Beeinträchtigung ihrer Augen, unter der sie als Kind gelitten hat. Früher hätte man gesagt, dass Johanna sehbehindert ist. Aber das Wort Behinderung ist „total beschissen“, sagt Marvin, der mit Johanna zur Schule gegangen ist, und den sie nun wieder einmal trifft. Beide sprechen lieber von Beeinträchtigungen oder Einschränkungen.

    Johanna und Marvin sind zwei von sechs jungen Menschen, denen Hubertus Siegert in seinem Dokumentarfilm Die Kinder der Utopie begegnet. Er kennt sie seit dem Jahr 2004. Damals hat er in der Fläming-Schule in Berlin-Schöneberg den Film Klassenleben gedreht. Johanna und Marvin, Natalie und Luca, Dennis und Christian waren damals Kinder, nun sind sie junge Erwachsene. Die Utopie, von der im Filmtitel die Rede ist, lag darin, dass in der Fläming-Schule Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet wurden.

    Marvin und Johanna auf einer Parkbank

    Marvin und Johanna. Foto: Mathias Bothor

    In einer berührenden Szene aus Klassenleben ist zu sehen, wie Christian von Marvin getröstet wird. Das ist nur ein Beispiel von vielen, aus denen hervorgeht, dass Behinderungen nur einer von vielen Unterschieden zwischen Menschen sind. Christian, der als Kind gemobbt wurde, weil er „dick“ war, ist heute ein nachdenklicher junger Mann, der gerade seine Studienrichtung ändert, und der sich reflektiert damit auseinandersetzt, dass er schwul ist.

    In der Geschichte des dokumentarischen Kinos gab es immer wieder sogenannte Langzeitbeobachtungen: Die Kinder von Golzow (über eine Schulklasse aus Ostdeutschland) oder die britische Up-Reihe (in der eine Beobachtungsgruppe alle sieben Jahre wieder vor die Kamera geholt wird) sind besonders bekannte Beispiele. Hubertus Siegert überbrückt mit Klassenleben und Kinder der Utopie ein etwas längeres Intervall, das sich in diesem Fall nahelegt: wenn man Kinder kennenlernt, will man meistens wissen, was aus ihnen wird. Da macht es Sinn, sich an der Schwelle zum Erwachsenenleben wieder zu treffen. Und im Fall der Kinder der Utopie steht auch zur Debatte, ob die inklusive Schule sich positiv auf die Biographie der Kinder ausgewirkt hat.

    Hubertus Siegert gibt darauf keine ausdrückliche und vor allem keine direkte Antwort. Er lässt die Protagonisten (miteinander) sprechen. Er selbst bleibt dabei mit der Kamera diskret im Hintergrund, die Treffen werden so gefilmt, als wären die jungen Leute unter sich. Siegert schafft eine Atmosphäre, in der die jungen Menschen sie selbst sein können. Sie agieren nicht für die Kamera, sondern sie öffnen sich für ihre Freunde. Der Film hat die Form eines Reigens, ein Klassentreffen, bei dem die Begegnungen reihum gehen, bevor zum Schluss alle sechs zusammenkommen. Dennis trifft sich mit Luca, Christian unterhält sich mit Marvin in einem Dachgarten hoch über Berlin über Gott, Natalie lädt Luca in die Ausspeisung ein, in der sie als Küchenhilfe arbeitet. Johanna, genannt Jojo, erzählt Marvin von ihrer Arbeit in der Pflege. Dazwischen schauen sie alle ab und zu Szenen aus dem früheren Film Klassenleben (2005) an. So werden sie selbst zu Zeugen ihrer Entwicklung, und zugleich zu Repräsentanten einer Gesellschaft, die sich auf vielen Ebenen um Inklusion bemüht. Im Fall von Luca, Dennis, Natalie, Christian, Marvin und Johanna wurde in der Schule ein unbefangener Umgang miteinander gelernt, der sich nun im Alltag als lebenslange Verbundenheit bewähren kann.

    Luca, Natalie und Filmemacher Hubertus Siegert vor einer Wand mit Graffiti

    Natalie, Hubertus und Luca. Foto: Mathias Bothor

    Diese Verbundenheit ist umso kostbarer, als sie auch einen großen Verlust zu verschmerzen hat: In der Klasse von damals gab es ein Mädchen, Lena, die an einer unheilbaren Krankheit litt, an der sie in der Zwischenzeit gestorben ist. Zum Gedenken an Lena kommen die sechs jungen Menschen in der Gruppe zusammen.

    Mit dem zweiten Film über die ehemalige Klasse 5d setzt Hubertus Siegert die „Zeit der Gemeinschaft“ fort, die damals begonnen hat. Er begleitet, ohne sich selbst in irgendeiner Form zum Beispiel durch einen eingesprochenen Kommentar einzumischen, die Kinder von damals bei weiteren Schritten in die Richtung eines lebenslangen Lernens. Zu diesen Lernprozessen sind nicht Johanna, Marvin, Dennis, Natalie, Lucas und Christian, sondern die gesamte Gesellschaft in ihrem Umgang mit Unterschieden und Beeinträchtigungen angehalten.